Klosterfrau in St. Klara und Textilpionierin
Von Urs Sibler
In der Erinnerung der Stanserinnen und Stanser, die Augustina Flüeler noch erlebt haben, tritt sie nicht im Ordenshabit auf, sondern im Deux-Pièces. Wohl ist es in der braunen Farbe der Kapuzinerinnen gehalten. Aber es soll der Trägerin ermöglichen, als Geschäftsfrau für ihren Betrieb im Kloster St. Klara zu reisen und für ihre 10 bis 15 Angestellten Aufträge zu akquirieren.
Ihr Bruder Anton wohnt im Oberhaus am Rathausplatz. Er ist Tänzer und Glasmaler und in regem Austausch mit der Künstlerin Annemarie von Matt. Für Augustina ist ihr Bruder eine wichtige Inspiration. In der Publikation der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft «Aus dem Kunstschaffen der Gegenwart 1962 – 1968» schreibt sie: «Da waren besonders auch mein Bruder Anton und mein Schwager Albert Schilling, die mich sehr förderten.» Anton war ein schweigsamer, immer in Schwarz gekleideter Zeitgenosse. Der Architekt Ludwig Kayser, der mit seiner Familie auch im Oberhaus wohnte, staunte darüber, wie aufwendig Anton für sich alleine kochte und das Essen zelebrierte.
Die Unternehmerin
Ordensfrau und Tänzer, diese Kombination passt ausgezeichnet im Fall der Geschwister Flüeler: Augustina, die ehrgeizige und innovative Textilgestalterin, und Anton, der Balletttänzer und Künstler in Deutschland, Paris und Stans. Wenn Sr. Augustina ein Fotomodell braucht für ihre liturgischen Gewänder, ist Toni zur Stelle. Das Geschäft floriert. Die Kapuzinerin Sr. Augustina Flüeler führt ab 1930 im Kloster einen Betrieb mit Stickerinnen, Schneiderinnen, Weberinnen und mit auf kirchliche Textilien spezialisierten Paramentikerinnen, wie sie ab 1948 von Erna Schillig an der Kunstgewerbeschule Luzern ausgebildet werden. Die handgewobenen Stoffe und Gewänder aus der Paramentenwerkstätte St. Klara bestechen durch ihre Eleganz und faszinieren heute noch durch ihre handwerkliche Qualität und ihre Schönheit.
Überfällige Würdigung
Das Nidwaldner Museum zeigt ab dem 7. November die erste grosse Ausstellung zu Augustina Flüeler, ergänzt mit einer kleinen Schau über ihren Bruder Toni. Eine umfassende Publikation, herausgegeben von Gabriela Christen und Carmen Stirnimann, würdigt Augustina Flüeler als Klosterfrau, Künstlerin und Textilunternehmerin. Über Anton Flüeler wird 2027 eine Publikation der FreyNäpflin-Stiftung erscheinen.
Ausstellung: 7. Nov. 2026 bis 30. Mai 2027
im Winkelriedhaus des Nidwaldner Museums.
www.nidwaldner-museum.chExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet.