Anfang und Ende des «Kinokasinotanzkongresstheaters»

23. April 2026
Ein Dreivierteljahrhundert ist es her, dass ein Bauprojekt die Stanser Bevölkerung ausserordentlich bewegt hat: die Errichtung eines grossen Saales für die Bedürfnisse der Vereine und für kulturelle Anlässe. Die Idee des Gemeinderates eines «Dreizweckbaus» scheiterte allerdings.

von Peter Steiner

Gerade war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder etwas Zuversicht in die Gesellschaft zurückgekehrt, als erste Klagen über die ungenügende Infrastruktur in der Gemeinde auftauchten. Aus feuerpolizeilichen Gründen wurden dem Theater an der Mürg enge Belegungsgrenzen gesetzt, so dass der Turnverein seinen Unterhaltungsabend – damals ein Ereignis im Dorf – in den Engel-Saal verlegen musste. Es sei dies ein «schwarzer Flecken in der Gemeinde Stans», stichelte der Turnverein im Oktober 1950 im Nidwaldner Volksblatt und fügte die Hoffnung an, dass sich die «Saalfrage ... bis zum nächsten Turnerabend» lösen lasse. Auch das «Tonfilm-Theater», welches seit 1938 im Theater an der Mürg Spielfilme und die Filmwochenschau zeigte, beklagte sich über den Zustand des Hauses und brachte sich, «im öffentlichen Interesse handelnd», mit dem Kauf des «Mätteli beim Knabenschulhaus» in Stellung.

Zweckbau auf dem «Tellenmättili»
Der Schachzug kam dem Gemeinderat bzw. seiner «Studienkommission» entgegen. Auf die Gemeindeversammlung vom 27. Mai 1951 hin präsentierte die Kommission unter der Leitung des späteren Regierungsrates August Albrecht ihre Erkenntnisse: «Die Bedürfnisfrage ist unter den gegenwärtig herrschenden Umständen gegeben und bedarf wohl keiner weitern Diskussion. Der Bestimmung der Grösse des neuen Saales wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt, denn er soll ... für viele Jahrzehnte den gestellten Anforderungen gerecht werden.» Hinsichtlich der Standortfrage seien alle bestehenden Möglichkeiten geprüft worden. Das «Tellenmätteli» zeige dabei die besten Voraussetzungen. Hier biete sich die Gelegenheit, «ein grosses öffentlichesAreal in bester zentraler Lage zusammenzufassen und neben dem Saalbau auch den dringenden Bedürfnissen der Schulgemeinde entgegenzukommen». Der Saal mit 450 bis 550 Plätzen bei Theaterbestuhlung und einer Küche solle hauptsächlich drei Zwecken dienen: Kino, Theater und grösseren Vereinsanlässen.

«Zudringliche Reklamebilder»
Für rund 800'000 Franken (heutiger Wert ca. 4 Mio. Fr.) sollte das Saalgebäude erstellt werden können, hiess es – doch hier hakte die Opposition ein: Kirchenrat Franz von Matt startete eine Aufzählung von all dem, was in der Gemeinde sonst anstehe: die Erneuerung der Wasserversorgung, der Ausbau der Kanalisation, die Erweiterung des Friedhofs, ein zusätzliches Knabenschulhaus ... und dabei habe die Bezirksgemeinde bereits Schulden von 570'000 Franken und die Schulgemeinde von 250'000 Franken. Nationalrat Arnold Wagner zückte eine andere Karte: Das Kino komme bei den Knabenschulhäusern zu stehen: «Sollen dann unsere Buben, die es in diesen Jahren ohnehin schwer haben, noch tagtäglich die zudringlichsten Reklamebilder vor Augen haben?» Die Ausarbeitung eines konkreten Projektes wurde schliesslich dem Gemeinderat, den Angriffen zum Trotz, «mit starkem Mehr» bewilligt, aber mit der Forderung verbunden, einen alternativen Platz zu suchen.

Verschleuderung öffentlicher Gelder?
Mit von Matts und Wagners Einwän den waren Ton und Ziel der Kritik am «Saalbau» programmiert: die Kosten, die Aufgaben-Konkurrenz und ein drohendes Verderbnis der Jugend. Über Leserbriefe wurde vom gegnerischen «Aktionskomitee» auf die Gemeindeversammlung im Herbst weiter mit der Frage Stimmunggemacht, ob denn der Bau eines Saales für Kino, Theater, Vereins- und Tanzanlässe zu den «Aufgaben einer Gemeinde» gehöre? Es könne dies sehr wohl «in der Art eines privaten, selbständigen Unternehmens geschehen», es sei denn, man wolle «willkürlich öffentliche Gelder ... verschleudern». Gescheiter wäre, die Gemeinde würde die Umbaupläne der Theatergesellschaft oder das private Saalprojekt des Hotels Stanserhof finanziell unterstützen. Schliesslich fand sich auch das Projekt selbst zerzaust: Ein Flachboden sei nichts für Kino und Theater, ein ansteigender nichts für Tanzanlässe, und der fensterlose Saal sei der «Gemütlichkeit eines Gesellschaftsanlasses eher abträglich».

Beschlossen – und doch beerdigt
Der Showdown in der Saalfrage war auf den 25. November 1951 angesagt. 662 Bürger – «noch nie war die Turnhalle so gefüllt» – traten zur entscheidenden Versammlung an. Wieder ging es heftig um die Kosten, aber ebenso hart um den Standort. Nationalrat Wagner wiederholte seine Bitte, «den Schulknaben keine Kinoreklame vor die Augen zu setzen», unterstützt vom Schulpräsidenten, Frühmesser Franz Wyrsch. Baudirektor Remigi Joller entgegnete, «für Anstand und Mass in der Kinoreklame» werde man dann schon sorgen. Endlich wurde schriftlich an der Urne abgestimmt: 369 Ja, 285 Nein, 7 leer. Die nächste Chance, das Saal-Projekt zu bodigen, bot sich drei Wochen später an der Versammlung der Schulgemeinde Stans-Oberdorf. Jetzt stand der Neubau des Knabenschulhauses in der Nachbarschaft des geplanten «Dreizweckgebäudes» zur Debatte, das mittlerweile als «Kinokasinotanzkongresstheater» verspottet wurde. Nun waren auch die Stimmberechtigten Oberdorfs gefragt, die mit 150 Unterschriften «besorgter Bauernfrauen und Mütter» im Rücken antraten. «Das Kino ist eine Gefahr und ein Problem, doppelt, wenn es vor dem Schulhaus steht», mahnte Pfarrer Theodor Gander eindringlich. Der Antrag, den Kinobetrieb vom Platz zu weisen, blieb allerdings knapp in der Minderheit. Eigentlich wäre der Weg für die Realisierung des Saalbaus nun frei gewesen. Zwei Dinge kamen ihr indes quer. Zum einen ein Gutachten des Zürcher Architekten Fritz Metzger, das die Anlagekosten auf 975'000 Franken hochrechnete, zum andern der Plan eines Privaten für ein Kino keine 50 Meter ausserhalb von Stans in Oberdorf. Eine mit 444 Unterschriften geforderte Wiedererwägung liess den «Kinosaal auf dem Schulhausplatz» schliesslich im März 1952 fallen. Die Saalproblematik fand Abfederung immerhin dadurch, dass die Gemeinde sowohl die Sanierung des Mürg-Theaters wie auch die Saalprojekte des Stanserhofs und später des Hotel Engels finanziell unterstützte.

Der Saalbau wäre dort realisiert worden, wo heute die Schulverwaltung ihren Sitz hat. (Repro: Peter Steiner)
Der Saalbau wäre dort realisiert worden, wo heute die Schulverwaltung ihren Sitz hat. (Repro: Peter Steiner)