Stanser «Little Italy» – vom Dorfplatz zum Telleneck
von Peter Steiner
Um den Stanser Dorfplatz sind Gasthäuser eine jahrhundertealte Tradition. Während einst bekannte Adressen wie das «Bürgi» (heute Einkaufsgeschäft Voi) oder die «Krone» (heute das 3Sixty) den Betrieb längst einstellten, halten sich «Engel» und «Tell» elegant aufrecht, sekundiert von der relativ jungen «Linde» (eröffnet 1984). Neue Farbtupfer sind jetzt eingangs der Engelbergstrasse mit «Esspresso Coletta's Café Bar» und der Bistrobar «Vis à Vis» gesetzt.
Wurzeln in Italien
Wer die Entwicklungslinien um die Häuser am Telleneck verfolgt, wird unweigerlich auf innere Zusammenhänge stossen. Da machte sich vor gut 30 Jahren ein junger Mann auf der Suche nach Arbeit von Süditalien aus auf den Weg Richtung Schweiz. Er fand sie in einem Baugeschäft in Beckenried, wechselte in die Küche des Kantonsspitals und realisierte für sich dann die Idee, Spezialitäten aus seiner Heimat zu importieren. In der ehemaligen Metzgerei Hirschen etablierte er ein Verkaufslokal, in welchem er auch «Pizza al taglio» anbot. 2002 ergab sich für Osvaldo Vitale die Möglichkeit, im Hause Dorfplatz 4/5 zum Laden hin das Ristorante Dal Paesano zu eröffnen – ein kleines Stück Italianità hatte sich zum Dorfplatz vorgetastet.
Auf lange Dauer war das Domizil dort nicht angelegt, weil das Schicksal der Liegenschaft im Ungewissen lag. Mit der Kündigung in der Tasche fand Osvaldo in der Pacht des benachbarten Restaurant Tell den Ausweg aus der misslichen Lage, und ein 2017 erfolgtes Kaufangebot für das traditionsreiche Haus wurde zum Glücksfall. Gerne erinnert sich Osvaldo an die überaus schnelle Einigung mit dem Besitzer Renato Ferronato und seine Lehre daraus: «Wo sich eine Türe schliesst, geht meist eine andere auf.»
Auch Eros kommt vom Süden her
Aufgewachsen ist auch Eros Coletta (32) in Süditalien, hat dort Koch gelernt, ist Pizzaiolo geworden und dann auch «Barista», will heissen: Kaffeekünstler. Einem Cousin folgend heuerte er 2013 im Buochser «Rigiblick» an, arbeitete dann bei den «Pastarazzi» und lernte dabei die hiesige Sprache. Bald träumte Eros von einem eigenen Lokal mit italienischem Angebot und der Möglichkeit, der Kundschaft einen feinen Caffè nach Barista-Art zu servieren.
«Ein guter Kaffee», kommt der Fachmann ins Schwärmen, «entsteht im Zusammenspiel mit den Bohnen, ihrem Mahlgrad, der Temperatur des Wassers – ein Prozess, der nie langweilig wird.» Nun: Das «Lädeli» fand sich vor fünf Jahren am Platz der Goldschmiede Lindinger an der Engelbergstrasse 2 – und es wurde schnell beliebt.
Doppelwechsel
«Es war», sagt Eros, «nicht angenehm, immer wieder Leute wegzuschicken, weil alle Plätze belegt waren», und so hat er die «Chance des Lebens» gepackt, seinen Kleinbetrieb über die Strasse ins totalsanierte Lokal im Haus Dorfplatz 4/5, dem ehemaligen «Dal Paesano», zu verlegen. «Die Inneneinrichtung hat meine Frau Désirée entworfen», bemerkt er freudig, und da darf man ihm zustimmen: Sie ist sehr geschmackvoll.
Platz für Neues – das galt natürlich jetzt auch im Haus Joller. Die Lücke fasste Osvaldo Vitale ins Auge, vis-à-vis vom Stammhaus eine Bar «come in Italia, perché no?» Gedacht, getan! Er lud seinen Sohn Alessio und dessen Freundin Lina zum Mitdenken ein und beauftragte ein Mailänder Architektenpaar mit der Gestaltung der Ausstattung. Es lässt sich sehen, was daraus geworden ist: ein edel gefertigtes Buffet, sorgfältig gewählte Farben, feinabgestimmte Beleuchtung. Alessio (24), der eigentlich Wirtschaft studiert hat, kommt hier die Rolle des Gastgebers zu. Im Gewerbe ist Alessio nicht neu, hat er doch schon als Jugendlicher in den väterlichen Betrieben mitgeholfen und so erfahren, wie anspruchsvoll, aber auch befriedigend der Beruf des Gastwirtes ist.
Pinsa e Dolci
Dreimal Italien auf engstem Raum, das verlangt nach Differenzierung im Angebot. Die Pizze sind gesetzt, sie sind die Klassiker des «Italieners im Tell» – eben Osvaldo. Eros Coletta hat sich für eine römische Spezialität entschieden, die Pinsa. Es ist dies ein nach dem Backen belegter Teig aus Weizen-, Reis- und Sojamehl, der sich der Pizza vergleichbar belegen lässt, aber leichter verdaulich sei. Alessio Vitale im Vis à Vis schwärmt von italienischen Dolci, die er gerne zum morgendlichen Cappuccino legt, ein Cannoncino beispielsweise oder ein Apollino. Und allerorten sind es die südlichen Weine, die Aperitivi, die Espressi und – im Sommer dann wieder – die Gelati: Gefühle wie in Bella Italia!
Öffnungszeiten:
Esspresso-Bar Coletta
Mo–Mi: 8–17.30,
Do–Fr: 8–21, Sa: 8–17.30 Uhr;
So geschlossen.
Bistrobar Vis à Vis
Di–Mi: 9–18.30,
Do & Sa: 9 – 19.30, Fr: 9 – 21 Uhr;
So–Mo geschlossen.
Italiener im Tell
Mo–Sa: 9–22,
So: 11.30–21.30 Uhr