Ein Musterbeispiel der Denkmalpflege
Interview: Peter Steiner
Sebastian Geisseler, welches ist der kulturhistorische Wert des Hauses Dorfplatz 4?
Sebastian Geisseler: Beim Haus Dorfplatz 4 handelt es sich um eines der letzten Objekte am Dorfplatz, dessen Substanz im Wesentlichen auf die Zeit nach dem Wiederaufbau nach dem Dorfbrand von 1713 zurückgeht, und zwar sowohl strukturell wie auch bezüglich vieler Oberflächen. Es stellt so einen herausragenden Zeitzeugen dieser Epoche dar. Im Rahmen der Arbeiten konnten bemalte Täfer aus dem 18. Jahrhundert freigelegt, dokumentiert und teilweise restauriert werden. Ebenfalls mehrheitlich bauzeitlich erhalten hat sich die grosse Stube im 1. OG. Insgesamt zeigen die Befunde, dass das Gebäude trotz bescheidener Grösse repräsentativ ausgestattet war.
Welche Schwierigkeiten haben sich bei der Restauration ergeben?
Das Gebäude hat im Laufe seiner über 300-jährigen Geschichte verständlicherweise Veränderungen erfahren. Wie geht man mit den jüngeren Strukturen und den teils ebenfalls qualitativen Ausstattungselementen des 19. Jahrhunderts um? Gemäss den Leitsätzen der Denkmalpflege, die sich an der «Charta von Venedig» orientieren, tragen die Beiträge aller Epochen zum Denkmalwert bei. Dementsprechend wurde von Raum zu Raum die prägende «Zeitschicht» eruiert und das Restaurierungskonzept festgelegt. In einzelnen Bereichen bedeutete dies, ältere bemalte Täfer zugunsten der Ausstattung des 19. Jahrhunderts nicht freizulegen, sondern nur zu dokumentieren.
Gibt es neue Erkenntnisse zur ursprünglichen Nutzung des Gebäudes?
Ein interessanter Befund war ein später eingebautes Apothekermöbel, das stilistisch dem 18. Jahrhundert zuzurechnen ist. Fraglich bleibt, ob uns das Möbel einen Hinweis auf eine frühe «Apothekennutzung» gibt, die gesichert erst im 19. Jahrhundert ist. Hier sind vertiefte Recherchen nötig, die wir im Rahmen der Restaurierung nicht leisten konnten.
Was sind die Highlights des Objektes?
Ein Highlight sind sicherlich die um 1740 bemalten Täfelungen, die dem Atelier des Stanser Dekorationsmalers Obersteg zuzuschreiben sind. In Teilen waren sie bekannt, doch mit dem Rückbau jüngerer Gipswände zeigte sich, dass hier weit mehr vorhanden ist als ursprünglich vermutet. Der stattliche Bestand liess eine Restaurierung der ganzen Raumausstattung zu. Spektakulär waren besonders auch die neu entdeckten Vedutenmalereien im 1. Obergeschoss, die heute leider nicht mehr sichtbar sind; in diesem Fall wurde entschieden, sie zugunsten der Ausstattung des 19. Jahrhunderts wieder zu überdecken.