Heinis Sammlung der Zu- und Übernamen
von Peter Steiner
Amtlich wird der Mensch verzeichnet – doch die Amtlichkeit greift sich im Laufe eines Lebens manchmal ab. So werden Vornamen abgekürzt, der Arthur wird zum «Turi», der Thomas zum «Tom», die Elisabeth zum «Beti». Da kommt aber noch eine andere Gewalt über das eigentlich Fixierte: der Volksmund. Er greift zu Differenzierungen dort, wo sich viele Gleichnamige finden – die Sepp Odermatts zum Beispiel in Stans, die Murers in Beckenried, die Würschs in Emmetten – oder wo die Person zu einer Zuschreibung verleitet: Der Mensch kommt zu einem Spitz- oder Übernamen, der ihn charakterisiert oder auch ein bisschen verulkt. Diese Individualisierung hilft, den wirklich Gemeinten leichter zu erkennen; liebevoll ist der Zuname im guten Fall, abwertend im schlechten. Widerstand gegen die «Vereinnamung» ist meist aussichtslos.
Der Sammler
Heini Gut, der Kunst- und Wortmensch mit der besten Aussicht über Stans (vom «Gigerli» her), hat in langer Arbeit eine Sammlung von Nidwaldner und vor allem Stanser Übernamen erstellt, die einmalig ist. Er hat dafür neben dem Hörensagen in der Beiz, bei der Arbeit oder einfach am Strasseneck Bücher und Schriften zurück bis ins 19. Jahrhundert durchgeackert und so an die 400 historische und aktuelle Bezeichnungen gefunden. Dort, wo er etwas über die Person weiss, hat er die Information dazugesetzt wie zum Beispiel zum «Bahnhof-Jaggi», dem «Jakob Odermatt (1920 – [2006]), Haushaltwarengeschäft beim Bahnhof, Feuerwehrkommandant, Volksschauspieler». Oder zu den «Boderootlis»: «Franz Christen sen. und jun., 1926 – 1996, Schmiede an der Engelbergstrasse, und Familie. Der Senior kam vom Boden in Obbürgen und hatte rote Haare.» Oder: «Brändli-Toni = Toni Odermatt, 1946 [–2022], arbeitete bei der Nidwaldner Brandversicherung/Sachversi-cherung, sein Vater war Verwalter dieser und wurde auch Brändli genannt.» Wenn Ernst Niederberger mit dem Wörterbuch zur «Nidwaldner Mundart» ein Denkmal der Sprache geschaffen hat, so gibt uns Heini Gut mit seiner Sammlung den Schlüssel zur intimen Stanser Gesellschaft in die Hand!
Von A bis Z
Heini Gut hat sein Verzeichnis alphabetisch geordnet; er beginnt mit A wie «d'Abry-Buebe» und schliesst auf der 17. der eng beschriebenen Seiten mit «Zrotze Plampi = Josef z'Rotz Holzbildhauer und Schreiner, Landsgemeinderedner». Die Bezeichnung lässt tonal erspüren («plam, plam»), weshalb z'Rotz so benamst wurde, ansonsten klärt Ernst Niederberger auf: ein «Mann mit schleppendem, wiegendem Gang».
Was an Zu- und Spitznamen zwischen A und Z notiert sind, liesse sich gruppieren: Da sind die dorf- und landbekannten Originale aus der Vergangenheit wie der «Chämi-Pail» (Kaminfeger Paul Christen), der «Ziri-Fritz» (Landstreicher und Dichter Fritz Zumbühl), der «Fade-Kari» (Findelkind Karl Faden), der «Vomattsohn» (Theodor von Matt). Da sind Volksschul- und Gewerbelehrer: «dr Bäri» (Heinrich Leuthold), «dr Bohne-Dädi» (Walter Furger), «dr Bot's-Franz» (Franz Wagner), «dr Busu» (Heinz Hindermann), «dr Ziriwisu» (Alois Zürcher). Dann und wann auch eine Frau: «s Stäge Marieli», «s Vikli», «d Wäid-Chrischtine», «d Wäsä» (jene von der Hueb). Und ein paar wenige Junge: «dr Achi», «dr Grifu», «dr Hefe». Der erste ist nach Heini Gut ein «spezieller Vogel», der andere Zeichner und Bühnenbildner, der dritte Sohn von «Chaucheler» Herbert Christen.
Anspielungen auf Berufe
Oft hängen die Spitznamen («Nicknames») mit der beruflichen Tätigkeit zusammen. Den «Bahnhof-Melk» kannte man wegen seiner Arbeit bei der LSE bzw. der Zentralbahn, der «Gässli-Toni» war bei der StEB beschäftigt, als diese die Überfahrt über die Buochserstrasse noch ohne Barriere wagte, der «Chibili-Noldi» drechselte aus Holz Gefässe, der «Moscht-Migi» presste aus Äpfeln und Birnen süsse und saure Getränke, der «Gfätterli-Toni» verkaufte Spielsachen für Kinder, der «Magroonä-Toni» führte in seinem Verkaufsladen Teigwaren, der «Goldnoldi» fertigte (und fertigt) Schmuck, der «Hoselade-Moritz» war Betreiber eines Kleiderladens an der Bahnhofstrasse.
Ganze Sippschaften
«Bruder von Limenäädeler» – die Erklärung beim Hoselade-Moritz illustriert, wie eine einzige Eigenheit einer Person zur Identifikation ganzer Familienstämme führen kann. Als «Limenäädeler» bekannt wurde nämlich Felix Odermatt, von Beruf Sattler in der Schmiedgasse und nebenher Händler mit Mineralwasser, der nichts trank ausser Limonade. Da seine Söhne diesbezüglich nicht so strikt waren, wurde Sohn Alfred, obwohl Maler, zum «Sattler-Fredi», Josef zum «Mari», Otto zum «Yogi» und Beat zum «Morel», allesamt aber sind sie: «s'Limonade Felixe Buebe». So hält man mit Zunamen die zahlreichen Odermatts auseinander. Von ihren «Sepps» wird der eine zum «Sarass», der andere zum «Vogili-Stopfer», der dritte zum «Bader», der vierte zum «Gumper».
Ergänzungen erwünscht!
Heini hat die Sammlung vor über zehn Jahren begonnen und immer wieder Nachträge dazugesetzt. Sie bleibt ein «offenes Werk» und deshalb hat der Autor auch ein offenes Ohr für Korrekturen und Ergänzungen. Die angesagte «Lesung» bietet dafür beste Gelegenheit. Übrigens: Mundart-Papst Ernst Niederberger ist auch nicht ohne Zusatz geblieben: Als «kleine, schmächtige Person», so seine Erläuterung im Mundart-Wörterbuch, war er als «Winger» bekannt. Heini weiss indes um Zusätzliches: «Auch Konsum-Ärnschti, da seine Mutter den Konsumladen (Coop) führte, da wo jetzt der Kiosk und der Brillenladen City sind.»