Drei Vaterunser als Strafe fürs Schulschwänzen
Von Carl Bossard
Schule hatte es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein schwer. Kinder wurden auf Feld und Hof gebraucht; sie hüteten Vieh oder arbeiteten mit den Eltern. Das Brot war wichtiger als das Buch, der Stall oft stärker als die Schiefertafel.
So erstaunt es nicht, dass die Schulpflicht nur langsam Wirklichkeit wurde. Vielerorts sassen nur etwa die Hälfte der Kinder regelmässig im engen Schulzimmer. Polizeiakten berichten von Jugendlichen, die «bis 100 Male« unentschuldigt fehlten. Eltern mussten vor dem Pfarrer erscheinen oder Geldbussen bezahlen. Selbst ein «Vaterunser« galt als Strafe. Bildung musste erkämpft werden.
Die Schule wird zur Aufgabe des Staates
Das Schulgesetz von 1851 markiert den Beginn der modernen Volksschule in Nidwalden. Der Schulbesuch wurde für alle «an Geist und Körper gesunden« Kinder obligatorisch. Noch war vieles bescheiden. Unterrichtet wurde meist im Winterhalbjahr, wenn die Arbeit draussen ruhte. Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion standen im Zentrum. Die Schule sollte die Kinder zu «guten Bürgern und rechtschaffenen katholischen Christen« erziehen.
Kirche und Schule waren eng verbunden. Religion prägte den Alltag. Der Unterricht war streng, hierarchisch und autoritär; Körperstrafen gehörten lange dazu. Und doch begann sich etwas zu verändern. Mit dem neuen Bundesstaat von 1848 und besonders mit der Bundesverfassung von 1874 erhielt die Volksschule schweizweit neuen Schub. Der Primarschulunterricht wurde obligatorisch und unentgeltlich. Nidwalden führte 1879 die Ganzjahresschule mit 42 Schulwochen ein. Nun sollten alle Kinder regelmässig und nicht mehr nur im Winter zur Schule gehen. Mit der Kantonsverfassung von 1877 entstand die neue Schulgemeinde; beim Ausbau der Volksschule übernahm sie fortan eine zentrale Rolle. Sie organisierte den Unterricht, baute Schulhäuser und stellte Lehrpersonen an. Bildung wurde mehr und mehr zur öffentlichen Aufgabe.
Schulhäuser als Zeichen des Fortschritts
Wer heute ältere Schulhäuser betrachtet, erkennt schnell ihre Bedeutung. Viele wirken fast wie kleine Paläste. Das war kein Zufall. Das Schulhaus wurde neben der Kirche zum zweiten Wahrzeichen des Dorfes. In Stans entstanden nach 1877 neue Schulhäuser: Tellenmatt für die Knaben, das Kniri-Schulhaus für die Mädchen. Beide standen für Aufbruch und Fortschritt. Oft führte eine breite Treppe zum Eingang hinauf. Sie symbolisierte, was Schule versprach: den sozialen Aufstieg durch Bildung. Die Verhältnisse blieben dennoch einfach. In manchen Klassen sassen über 60 Kinder. Gegenüber den engen Schulstuben früherer Zeiten bedeuteten die neuen Schulhäuser jedoch einen gewaltigen Fortschritt.
Die Lehrschwestern: stille Pionierinnen
Eine entscheidende Rolle spielten die Lehrschwestern aus Menzingen, Ingen-bohl oder Baldegg sowie die Schwestern von St. Klara in Stans. Ohne sie wäre der Ausbau der Volksschule kaum möglich gewesen. Die Ordensfrauen waren gut ausgebildet, arbeiteten fast für Gottes Lohn und prägten während Jahrzehnten den Unterricht in Nidwalden. Sie unterrichteten Generationen von Kindern – oft unter einfachen Bedingungen. Sie waren gefordert, manchmal auch überfordert. Zugleich erweiterten sie die Bildungschancen von Mädchen. Das war keineswegs selbstverständlich. Lange galt Bildung für Mädchen als weniger wichtig. Die Schwestern eröffneten Mädchen und jungen Frauen neue Wege und trugen damit auch zu deren Emanzipation bei.
Die Schule verändert sich
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb die Schule streng und von Ordnung geprägt. Respekt, Disziplin und Prügelstrafen prägten den Alltag. Lehrpersonen galten als unangefochtene Autoritäten. Erst die gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er- und 1970er-Jahre führten zu einem eigentlichen pädagogischen Wandel. Eltern verlangten Mitsprache, Kinder sollten individueller gefördert werden, und Körperstrafen verschwanden schrittweise. Die Schule wurde offener und durch lässiger.
Gleichzeitig gewann sie zunehmend an Bedeutung. 1947 verlängerte Nidwalden die Primarschule auf sieben Jahre, später erweiterte man die gesamte Schulpflicht. Kindergartenangebote wurden ausgebaut, neue Lehrpläne eingeführt und zusätzliche Förderangebote geschaffen. Bildung entwickelte sich zum Schlüssel für Beruf, Wohlergehen und ein selbstbestimmtes Leben.
Eine starke Schule für eine moderne Gesellschaft
Heute verfügt Nidwalden über ein modernes Bildungssystem. Die Volksschule eröffnet Kindern und Jugendlichen vielfältige Wege und Chancen – unabhängig von Herkunft und sozialem Umfeld. Was heute selbstverständlich erscheint, musste über Generationen aufgebaut werden: die Schulpflicht, genügend Schulraum, gut ausgebildete Lehrpersonen sowie gleiche Bildungschancen für Mädchen und Knaben.
Der Blick zurück zeigt auch, welch grosse gesellschaftliche Leistung die Volksschule ist. Aus der einfachen Winterschule des 19. Jahrhunderts entstand Schritt für Schritt die Schule von heute – als Fundament einer modernen Gesellschaft.