Drei Vaterunser als Strafe fürs Schulschwänzen

26. August 2026
Als Nidwalden 1851 das neue Schulgesetz verabschiedete, war das mehr als ein Verwaltungsakt. Es war ein Aufbruch. Zum ersten Mal erklärte der Staat den Schulbesuch grundsätzlich für alle Kinder zur Pflicht. Heute erscheint das selbstverständlich. Damals war es eine Revolution.

Von Carl Bossard

Schule hatte es bis weit ins 19. Jahrhun­dert hinein schwer. Kinder wurden auf Feld und Hof gebraucht; sie hüteten Vieh oder arbeiteten mit den Eltern. Das Brot war wichtiger als das Buch, der Stall oft stärker als die Schiefertafel.

So erstaunt es nicht, dass die Schul­pflicht nur langsam Wirklichkeit wurde. Vielerorts sassen nur etwa die Hälfte der Kinder regelmässig im engen Schulzim­mer. Polizeiakten berichten von Jugend­lichen, die «bis 100 Male« unentschuldigt fehlten. Eltern mussten vor dem Pfarrer erscheinen oder Geldbussen bezahlen. Selbst ein «Vaterunser« galt als Strafe. Bildung musste erkämpft werden.

Die Schule wird zur Aufgabe des Staates
Das Schulgesetz von 1851 markiert den Beginn der modernen Volksschule in Nid­walden. Der Schulbesuch wurde für alle «an Geist und Körper gesunden« Kinder obligatorisch. Noch war vieles beschei­den. Unterrichtet wurde meist im Win­terhalbjahr, wenn die Arbeit draussen ruhte. Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion standen im Zentrum. Die Schule sollte die Kinder zu «guten Bürgern und rechtschaffenen katholischen Christen« erziehen.

Kirche und Schule waren eng verbunden. Religion prägte den Alltag. Der Unterricht war streng, hierarchisch und autoritär; Körperstrafen gehörten lange dazu. Und doch begann sich etwas zu verändern. Mit dem neuen Bundesstaat von 1848 und besonders mit der Bundesverfas­sung von 1874 erhielt die Volksschule schweizweit neuen Schub. Der Primar­schulunterricht wurde obligatorisch und unentgeltlich. Nidwalden führte 1879 die Ganzjahresschule mit 42 Schulwochen ein. Nun sollten alle Kinder regelmässig und nicht mehr nur im Winter zur Schule gehen. Mit der Kantonsverfassung von 1877 ent­stand die neue Schulgemeinde; beim Aus­bau der Volksschule übernahm sie fortan eine zentrale Rolle. Sie organisierte den Unterricht, baute Schulhäuser und stellte Lehrpersonen an. Bildung wurde mehr und mehr zur öffentlichen Aufgabe.

Schulhäuser als Zeichen des Fortschritts
Wer heute ältere Schulhäuser betrach­tet, erkennt schnell ihre Bedeutung. Viele wirken fast wie kleine Paläste. Das war kein Zufall. Das Schulhaus wurde neben der Kirche zum zweiten Wahrzei­chen des Dorfes. In Stans entstanden nach 1877 neue Schulhäuser: Tellenmatt für die Knaben, das Kniri-Schulhaus für die Mädchen. Beide standen für Aufbruch und Fort­schritt. Oft führte eine breite Treppe zum Eingang hinauf. Sie symbolisierte, was Schule versprach: den sozialen Auf­stieg durch Bildung. Die Verhältnisse blieben dennoch ein­fach. In manchen Klassen sassen über 60 Kinder. Gegenüber den engen Schul­stuben früherer Zeiten bedeuteten die neuen Schulhäuser jedoch einen gewal­tigen Fortschritt.

Die Lehrschwestern: stille Pionierinnen
Eine entscheidende Rolle spielten die Lehrschwestern aus Menzingen, Ingen-bohl oder Baldegg sowie die Schwestern von St. Klara in Stans. Ohne sie wäre der Ausbau der Volksschule kaum möglich gewesen. Die Ordensfrauen waren gut ausgebildet, arbeiteten fast für Gottes Lohn und prägten während Jahrzehnten den Unterricht in Nidwalden. Sie unter­richteten Generationen von Kindern – oft unter einfachen Bedingungen. Sie waren gefordert, manchmal auch überfordert. Zugleich erweiterten sie die Bildungs­chancen von Mädchen. Das war keines­wegs selbstverständlich. Lange galt Bil­dung für Mädchen als weniger wichtig. Die Schwestern eröffneten Mädchen und jungen Frauen neue Wege und trugen damit auch zu deren Emanzipation bei.

Die Schule verändert sich
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb die Schule streng und von Ordnung geprägt. Respekt, Disziplin und Prügel­strafen prägten den Alltag. Lehrpersonen galten als unangefochtene Autoritäten. Erst die gesellschaftlichen Verände­rungen der 1960er- und 1970er-Jahre führten zu einem eigentlichen päda­gogischen Wandel. Eltern verlangten Mitsprache, Kinder sollten individueller gefördert werden, und Körperstrafen verschwanden schrittweise. Die Schule wurde offener und durch lässiger.

Gleichzeitig gewann sie zunehmend an Bedeutung. 1947 verlängerte Nidwalden die Primarschule auf sieben Jahre, spä­ter erweiterte man die gesamte Schul­pflicht. Kindergartenangebote wurden ausgebaut, neue Lehrpläne eingeführt und zusätzliche Förderangebote ge­schaffen. Bildung entwickelte sich zum Schlüssel für Beruf, Wohlergehen und ein selbstbestimmtes Leben.

Eine starke Schule für eine moderne Gesellschaft
Heute verfügt Nidwalden über ein mo­dernes Bildungssystem. Die Volksschule eröffnet Kindern und Jugendlichen viel­fältige Wege und Chancen – unabhängig von Herkunft und sozialem Umfeld. Was heute selbstverständlich erscheint, musste über Generationen aufgebaut werden: die Schulpflicht, genügend Schulraum, gut ausgebildete Lehrperso­nen sowie gleiche Bildungschancen für Mädchen und Knaben.

Der Blick zurück zeigt auch, welch grosse gesellschaftliche Leistung die Volksschule ist. Aus der einfachen Winterschule des 19. Jahrhunderts ent­stand Schritt für Schritt die Schule von heute – als Fundament einer modernen Gesellschaft.

Zur Bildung geht es treppauf - das Mädchenschulhaus Kniri Stans um 1900. (Bild: Fotosammlung Franz Kaiser, Staatsarchiv NW)
Zur Bildung geht es treppauf - das Mädchenschulhaus Kniri Stans um 1900. (Bild: Fotosammlung Franz Kaiser, Staatsarchiv NW)